2010 Galerie Graf Adolf, Köln

3. August 2010 Kölner Stadtanzeiger Zwischen Moderne und Postmoderne

Ausstellung. Die Malerinnen Hannelore Schleyer und Agneta Dziubek zeigen in der Galerie Graf Adolf einzigartige Orte.

von Jürgen Kisters

Köln – Mülheim. Stadtsilhouetten sind seit dem Mittelalter ein bevorzugtes malerisches Motiv. Zum einen, weil sie ein schönes Panorama abgeben. Zum anderen, weil sie die Einzigartigkeit von Orten vor Augen führen. Hier ist es die besondere Form eines Kirchturms, der sich von dem Stadtbild abhebt. Dort ist es der Rhythmus in der Reihung von Dächern, die einer Stadt ihren speziellen Charakter verleiht. Tatsächlich genügen die Panoramen von Köln, Chicago oder Siena, um die Einzigartigkeit dieser Orte zu beschreiben.

Zu sehen sind sie in der Ausstellung „Genius Loci“ in der Galerie Graf Adolf, und gemalt wurden sie von Hannelore Schleyer. Interessanterweise zeigt die Künstlerin (Jahrgang 1946) in ihren Bildern aber nicht nur die motivische Einzigartigkeit dieser Orte. Gleichzeitig bringt sie durch ihren malerischen Stil zum Ausdruck, dass es durchaus allgemeine Wahrnehmungsgesetzlichkeiten gibt, mit denen sich Betrachter den Orten nähern. So ist Schleyer nicht wie so viele Städte- und Ortsmaler an einer realistischen Darstellung von Häusern, Strassen und Kirchen interessiert. Vielmehr fächert sie die Szenerie in unzählige ineinander verzahnte Flächen auf – als seien die Gebäude malerisch wie Brot in Scheiben geschnitten. Das befremdet, das irritiert und es zeigt die Gebäude als plastische Baukörper, die man nie aus nur einer Perspektive erfassen kann.

Zurück geht dieser Ansatz auf die plastisch – räumlichen Auffächerungen, mit denen Künstler wie Picasso und Braque Anfang des 20. Jahrhunderts im Kubismus den Dingen zu Leibe rückten. Im Wesentlichen war damit die Auflösung der Zentralperspektive verbunden und damit die Einsicht, dass Wahrnehmung und Erfahrung multiperspektivische Angelegenheiten sind. Obwohl die faszinierenden Lichtspiele, Linien-, Flächen- und Formexperimente des malerischen Ansatzes inzwischen bekannt sind, haben sie ihre Wahrnehmung belebende Kraft keineswegs eingebüßt.

Die fantastischen Orte der in Köln lebenden gebürtigen Polin Agneta Dziubek (Jahrgang 1968) erwecken den Anschein, dass die Füsse des Betrachters grundsätzlich auf unsicherem Boden stehen. Ihre Gemälde sind von einer ähnlichen Unheimlichkeit wie die expressionistischen Spielfilme der Stummfilmzeit oder die futuristischen Szenarien von Fantasywelten. So wird eine Brücke zwischen der Welterfahrung der Moderne und der postmodernen Gegenwart geschlagen. Diese Eigentümlichkeit besteht nicht zuletzt darin, dass man nicht weiß, ob man die Bilder beider Künstlerinnen wegen ihres rückwärts gewandten Charmes mögen soll. Oder deswegen, weil sie mitten in Zeiten digital beeinflusster Wahrnehmungsveränderungen malerisch die Idee immer währender Wahrnehmungsmuster vor Augen führen.